“Die Wurzel des Leidens ist Anhaftung.” – Buddha
Mit diesem ist es wie mit jedem Zitat: Wenn du es nur im Vorbeigehen liest, mag es für dich wie ein gehaltloser Spruch aus einem Achtsamkeitskalender klingen. Doch lässt du es wirken, erfährst du, wieviel Wahrheit darin steckt.
Anhaftung entsteht, wenn wir etwas im Außen brauchen, um uns innerlich sicher, vollständig oder glücklich zu fühlen – sei es eine bestimmte Person, ein Ausgang, eine Vorstellung, ein Gefühl. Wir klammern uns daran, machen unser inneres Wohl davon abhängig.
Der Anhaftung entgegen steht die Losgelöstheit. Sie bedeutet nicht, dass uns Dinge egal sind. Sie sagt vielmehr aus, dass wir etwas lieben, ohne es besitzen zu müssen. Dass wir uns etwas wünschen, ohne daran festzuhalten. Dass wir handeln, ohne am Ergebnis zu hängen.
Auch ich hielt diesen Satz lange für einen jener klugen Gedanken, die man nickend liest und sofort wieder vergisst. Bis ich Mutter wurde. Ich würde so gerne etwas anderes behaupten, aber – verdammt – hatte Buddha Recht.
Als mein Kind auf die Welt kam, war ich erfüllt von Liebe – und von ziemlich vielen Vorstellungen. Vorstellungen davon, wie es sein würde, Mutter zu sein. Wie ich mich fühlen wollte. Wie mein Baby sich entwickeln würde. Wie mein Partner und ich in dieser neuen Rolle zusammenwachsen würden.
Ich hatte mir ein Bild davon gemacht, wie es laufen sollte. Ein warmes, perfektes Bild, in dem ich voller Intuition und Vertrauen in meine neue Rolle als Mutter hineinwuchs.
Tja. Spoiler: So lief es nicht.
In den ersten Wochen nahm unser Kind nicht richtig zu. Jeder Stillversuch wurde zum Fragezeichen: Mache ich etwas falsch? Warum klappt das nicht? Warum fühlt sich das nicht so an, wie ich dachte? Die Nächte waren kurz, die Tage lang, meine Nerven blank. Ich war erschöpft, überfordert – und gleichzeitig zerfressen von Schuld und Enttäuschung. Nicht über mein Kind. Sondern über mich.
Denn ich war an meiner Vorstellung angehaftet.
Ich hatte mir gewünscht, dass alles intuitiv fließt, dass mein Körper weiß, was zu tun ist und dass mein Baby zufrieden an meiner Brust liegt. Stattdessen fühlte ich mich leer. Frustriert. Voller Zweifel. Und irgendwann: wütend auf meinen Partner.
Nicht, weil er etwas falsch gemacht hatte – sondern weil ich innerlich zerbrach an dieser Diskrepanz zwischen Vorstellung und Realität. Ich war wütend, weil ich mich allein fühlte. Weil ich das Gefühl hatte, alles alleine tragen zu müssen. Weil unsere Beziehung plötzlich nicht mehr wie ein sicherer Hafen, sondern wie ein Minenfeld wirkte.
Rückblickend verstehe ich: Es war nicht nur die Situation, die mich so sehr belastet hat. Es war mein Festhalten an dem, wie es hätte sein sollen. Diese Anhaftung – an ein Ideal, an eine Version von mir selbst, an ein harmonisches Muttersein, an ein perfektes Paarsein – sie hat mir die Luft abgeschnürt.
Und irgendwann musste ich loslassen. Nicht, weil ich es wollte. Sondern weil ich nicht mehr anders konnte. Ich habe angefangen, mich mit dem anzufreunden, was ist – statt dem nachzutrauern, was ich mir ausgemalt hatte. Ich habe zugelassen, dass Muttersein manchmal nur bedeutet, den Tag zu überstehen. Ich habe erkannt, dass ich meinen Partner nicht als Feind sehe sollte, sondern als Mensch, der ebenfalls gerade überfordert ist. Dass mein Körper nicht perfekt funktionieren muss, um gut zu sein.
Dieses Loslassen war nicht passiv. Es war eine Entscheidung – immer wieder. Und mit jedem Mal wurde es leichter. Sanfter. Wahrhaftiger.
Heute weiß ich: Anhaftung ist oft wie eine Klammer, die wir aus Angst setzen. Weil wir denken, dass nur das, was wir uns vorstellen, gut und richtig ist. Aber das Leben, das uns wirklich nährt, entsteht im Loslassen.
Das Wort Loslassen klingt passiv – als würden wir einfach die Hände vom Steuer nehmen und hoffen, dass das Leben uns irgendwo sicher abliefert. Aber in Wahrheit ist Loslassen ein hochaktiver Prozess.
Loslassen bedeutet, dich bewusst gegen das Festhalten zu entscheiden – wieder und wieder. Es bedeutet, dich deiner Angst zu stellen, die dir einredet: Wenn du loslässt, verlierst du alles.
Dabei verlierst du in Wahrheit nur das, was dir nicht (mehr) dient: überholte Vorstellungen, alte Geschichten, starre Erwartungen.
Loslassen braucht Mut. Und Vertrauen.
Mut, das Unbekannte zuzulassen.
Vertrauen, dass das Leben es gut mit dir meint – auch wenn du gerade nicht alles kontrollierst.
Es ist kein Entweder-oder. Du darfst lieben und loslassen. Wünsche haben und loslassen. Trauern und loslassen.
Loslassen heißt nicht, dass mir etwas egal ist. Es heißt: Ich lasse Raum für das, was wirklich ist. Und gleichzeitig: Ich mache Schluss mit der Anhaftung, die so viel Leiden erzeugt.
Vielleicht ist das der größte Irrtum, den wir über das Loslassen glauben: dass wir etwas verlieren. Dabei verlieren wir meist nur die Geschichte darüber, wie das Leben hätte sein sollen.
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